Wer hat Angst vorm schwarzen Mann

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann

Fünfte Station: Die Bühnen der Hanseaten

Fünfte Station: Die Bühnen der Hanseaten

Hamburg als Bühnenbild: Was damit gemeint ist, verstehen Sie vielleicht, wenn Sie mal mit dem Zug in die Hansestadt kommen und nicht am Hauptbahnhof aussteigen (neben der Elbtunnelsünde der zweite große Fehler, den Neuankömmlinge gern begehen), sondern eine Station weiterfahren, zum Bahnhof Dammtor.
Bis zum Hauptbahnhof sehen Sie nämlich nichts weiter als die übliche Industriebrache von Güterbahn, Siloturm und Hafenkai, alles leicht angeschmuddelt und ziemlich öde. Hamburg präsentiert sich bis dahin als kühle Handelsmetropole, als größter deutscher Industriehafen, als Warenlager, als Durchgangsstation. Und eigentlich möchte man nur eins: schnell wieder weg.
Setzt sich der Zug jedoch nochmals in Bewegung, rollt er über die Alster und plötzlich weitet sich der Blick: Nach links eine edle Häuserzeile mit Büros, Hotels und hinten dem spitzen Rathausturm. Ausflugsdampfer legen ab, eine Fontäne sprüht wie ein Kurhausbrunnen im Regenbogen über die Dächer. Auf der rechten Seite dümpeln Dutzende Segelboote herum, überall Grün, überall Wasser. Wo man eine Zwecksiedlung der neudeutschen Dienstleistungsgesellschaft erwartet, findet sich eine verwöhnte Diva, die jede Geste, jeden Einblick genau berechnet hat und sich mit der Eleganz einer soignierten Dame präsentiert.
Die Schaufront auf der Alsterbrücke funktioniert zu jeder Tageszeit: An diesigen Morgen wirkt die Stadt geheimnisvoll umnebelt und fahl. Im Regen wie ein feuchter skandinavischer Wald mit einem See, auf dem stoische Ruderer ihr Programm durchziehen. Nachts blinken alle Lichter doppelt im Widerschein der weiten Wasserfläche.
Showplatz Hamburg: Bühne frei für den ersten Akt.
Die Alster: Ursprünglich als strategisches Staubecken angelegt, das Wasser abhalten und gleichzeitig als Sicherheitsgraben fungieren sollte, erlebt man die Außenalster heute als Mischung aus träger Nachmittagsbrise und Müßiggang inmitten einer geschäftigen City. Hier holt man sich wahlweise Komplimente, die sprichwörtliche leichte Segelbräune, einen Korb oder einfach ein Eis. Im Schatten der legendären Weltklassehotels »Vier Jahreszeiten« und »Kempinski Hotel Atlantic« das 1909 eigens für Passagiere der Luxusliner errichtet wurde, die damals noch den Atlantik kreuzten (und in dem Dauergast Udo Lindenberg auch heute noch residiert) läßt sich wundervoll flanieren, und mit etwas Glück überholen einen sogar Jon Bon Jovi oder Madonna beim Joggen. Die anderthalbstündige Alsterumrundung zu Fuß ist nicht nur gut für die Gesundheit, sondern auch fürs Selbstbewußtsein: Straßennamen wie Bellevue, Schwanenwik oder Schöne Aussicht lassen schon auf dem Stadtplan erahnen, daß rund um die Alster eine Menge Geld zu Hause ist. In den bevorzugten Wohngebieten der Stadt mit großbürgerlichen Privatvillen, Etagenhäusern aus der Gründerzeit und gut hundertfünfzig Konsulaten und konsularischen Vertretungen (mehr davon gibt es nur in New York) fühlt man sich gleich ein paar Gehaltsklassen besser was einige dazu verleitet, den Stadtteil Pöseldorf, in dem beispielsweise auch Jil Sander wohnt, häßlich als »Schnöseldorf« zu verballhornen oder aus dem JournalistenStadtteil Eppendorf »Deppendorf« zu machen. Im Gegenzug wird das Arbeiterviertel Barmbek zu »Armbek«, aus Ottensen (damals Altonas arme Schwester) »Mottensen« oder »Mottenburg« und aus dem Bahnhofsviertel Hammerbrook »Jammerbrook« oder noch schlimmer »Hammerbronx«.
Die Schlacht Arm gegen Reich ist mittlerweile zu einer fast niedlichen Art des Volkssports in Hamburg geworden und manifestiert sich unter anderem im Volksparkstadion oder am Millerntor. Nämlich immer dann, wenn der gutbürgerliche HSV gegen die KiezKicker von St. Pauli antritt. Denn dann spielen nicht nur zwei Mannschaften gegeneinander, sondern das System, die Geldmaschine, der Goliath gegen den Underdog, den Mann von der Straße, der das Herz noch auf dem vermeintlich rechten Fleck trägt. Jungfernstieg gegen Hafenstraße, Jever gegen Astra, Shrimps gegen Schaschlik. Irgendwie ist es in Hamburg auch der Kampf Ost gegen West. Zumindest, was die Wohngegend angeht: Hamburger unterscheiden die Gebiete westlich der Alster nämlich deutlich von denen östlich der Alster. Denn hier spielt das „weiße“ Hamburg gegen das „rote“ Hamburg. Die Alster dazwischen fungiert als unüberwindbarer Graben zwischen den Fronten, der selbst mit zweieinhalb Metern noch zu tief ist. Westlich der Alster liegt das »weiße«, das schicke Hamburg. Die vornehme Dreizehn und die edle Zwanzig. Vor Einführung des neuen Postleitzahlensystems (dessen Etablierung die Bewohner der Stadtteile Rotherbaum, Harvestehude und Eppendorf noch immer verdammen) war allein der Absender »2000 Hamburg 13« oder »2000 Hamburg 20« so etwas wie ein Adelstitel: Eine zweistellige Zahl trennte die Spreu vom Weizen, prachtvolle Gründerzeitvillen und gediegene Straßenzüge von klotzigen Backsteinbauten und zweckmäßigen Arbeiterwohnquartieren.
Das rote Klinkergesicht des Hamburger Ostens geht auf die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. Entlang den schiffbaren Kanälen, die von der Außenalster in die Stadtviertel Winterhude, Barmbek und Wandsbek führten, siedelten seit Ende des 19. Jahrhunderts neue Industriebetriebe, oft Zulieferer für die großen Werften im Hafen. Genossenschaften sorgten für den Bau von Arbeiterwohnquartieren, die, sofern sie im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, mit Klinker auch wieder aufgebaut wurden. Deshalb gilt auch heute noch: Im Westen ist’s am besten. Zumindest, was die Wohnqualität angeht. Das Spannungsfeld zwischen den Polen »arm« und »reich« macht die Stadt nicht nur reizvoll, es leistet auch einen wichtigen Beitrag zur sozialen Demokratisierung: Alle Versuche zum Beispiel, in Hamburg dauerhaft eine blasierte Schickeria nach Münchner Vorbild zu etablieren, sind in den vergangenen Jahren kläglich gescheitert. Zwar gibt es stetig wechselnde »InTreffs« der Reichen, Schönen und Prominenten. Doch nach einer Weile fällt selbst dort das gemeine Volk aus Pinneberg, Quickborn, Eidelstedt oder Winsen an der Luhe ein. Zumindest für kurze Zeit. Dann kann der Publikumsverkehr nach alter hanseatischer Methode geregelt werden nämlich diskret über den Preis. Oder durch eine hochgezogene Augenbraue. Etwa dann, wenn der Gast braune Schuhe zum blauen Anzug tragen sollte. Aber zurück zum Schauplatz Alsterufer: Weiße Villen, die je nach Zeitenlauf Reederfamilien, eine Preußische Gesandtschaft, NSHerren oder Konsuln befreundeter Nationen beherbergten, säumen das Wasser. Eines der auffälligsten Bauwerke dort ist das Generalkonsulat der USA, dessen Säulenhalle vor dem Haupteingang der des Weißen Hauses nachempfunden ist. 1882/83 von Martin Haller errichtet, gehörte das Haus Nr. 27 zunächst dem Kaufmann Wilhelm Riedemann, Gründer der ESSOPetroleumgesellschaft. 1933 zog dann die Gauleitung der NSDAP dort ein und 1950 schließlich das USamerikanische Konsulat. Vor dem Haus mit der bewegten Geschichte ziehen heute jedenfalls bedeutend schönere Frauen ihre Runden als Monica Lewinsky, und das ist in Hamburg alles, was zählt.
Ihre Runden ziehen dort auch die berühmten Alsterschwäne, genau 131 an der Zahl, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben als repräsentativ herumzuschwimmen. Betreut wird das edle Federvieh von einem sogenannten »Schwanenvater«, der dafür zuständig ist, daß es den Schwänen an nichts fehlt. Im Spätherbst fängt er dann seine Schützlinge von der Alster und bringt sie ins Winterquartier im nahe gelegenen Eppendorfer Mühlenteich, wo sie es warm haben. Und weil die Hamburger gerührt sind von so viel Fürsorge, gibt es jedes Jahr ein neues Foto im »Hamburger Abendblatt«. Davon, wie Harald Nieß (so heißt der Schwanenvater) mit seinem Boot vor den Schwänen herfährt und damit die Vertreter einer alten hanseatischen Tradition übersiedelt. Diese Tradition heißt Freiheit, und wenn’s um die geht, haben Hamburger sich schon immer mächtig ins Zeug gelegt. Vor ein paar Jahrhunderten, als das Halten von Schwänen ein nicht jedem zustehendes Privileg war, dienten sie den Hamburgern als Symbol ihrer staatlichen Unabhängigkeit gegenüber den vor den Stadtmauern herrschenden Dänen.
Überreste dieser Herrschaft finden wir noch an unserem nächsten Schauplatz: Blankenese. Ein Stadtteil, der, wie Altona, lange dänisch war und die Beschaulichkeit eines dänischen Landstädtchens souverän mit der Erhabenheit mediterranen Panoramas verbindet. So sieht der Süden im Norden aus: Stege und Terrassen, Treppen und Serpentinen schlängeln sich verspielt durch bunte Häuschen und sandige Hügel; kleine Kioske, Cafés und der Geruch von Sonnenöl wecken Urlaubsgefühle. Nur vierzehn Kilometer von Hamburgs Stadtmitte entfernt, ist die »Perle an der Unterelbe« heute bevorzugter Wohnort der Wohlhabenden, Künstler und Prominenten. Hier findet man keine Spritzen in Parks, höchstens Spuren von Kokain auf den Toiletten der Luxusrestaurants. Das ehemalige Fischerdorf, das im 19. Jahrhundert ausschließlich Wohnort für Hochseefischer, Kapitäne, Lotsen und Schiffbauer gewesen ist (was die zahlreichen reetgedeckten Häuschen am Hanggebiet erklärt), wurde schnell in die große Palette Hamburger Stimmungen integriert als Künstlerdorf, musisches Refugium und Luxusidyll. Wer hier wohnt, hat es geschafft. Oder tut zumindest so. Was im Grunde dasselbe ist. Im »Café Lühmann« bestellt man sich zum Nachmittagstee englische scones mit clotted cream, und very British flaniert man danach durchs Dorf, das konsequent an jeder zweiten Ladenfront englische Beschriftungen aufweist.
Der feine Streifen historistischer Villen, der sich bis Blankenese zieht (und mit dem sich Rathausbaumeister Haller und seine Kollegen zwischen 1870 und 1914 gutes Brot verdienten), gehört immer noch zu den teuersten und erlesensten Wohnadressen Deutschlands. Allein entlang der Eibchaussee kann man eine halbe Stunde bei gutem Tempo die Villen am Autofenster vorbeiziehen sehen, von denen aus die Hamburger Reeder und Händler seit zweihundert Jahren den besten Blick auf die vollgeladenen Schiffe genießen, die ihnen neuen Profit in die Stadt bringen. Hier, und nicht in der Hafenstraße oder den Arbeitervierteln am Hafen, wohnt die Macht. Die hamburgische Erfindung einer durch und durch konservativen Sozialdemokratie man denke an Helmut Schmidt, Max Brauer, Hans Apel, Henning Voscherau oder den stilsicher reingeschmeckten Klaus von Dohnanyi sichert dem Ensemble seine Dauerhaftigkeit: Hunderttausende von proletarisch geprägten Familien stimmen für eine gemäßigte TechnokratenElite, die nicht ohne Duldung der Pfeffersäcke existieren kann. Das ergibt einen Mix, der es nach dem Niedergang der Ruhrgebietsgenossen als einziges Milieu der Republik an Stabilität mit der genialen Machtbalance der CSU in Bayern aufnehmen kann, nur daß die Hamburger ihren genuinen Beitrag zum deutschen Föderalismus nicht so grobianisch an die große Glocke zu hängen pflegen.
In ihren wundervollen Gründerzeitvillen sind die ökonomischen, medialen und politischen Herren von Hamburg allzeit Dörfler geblieben. Nicht grundlos hält man sich bis heute fast ohne Ausrutscher an das Verbot, ein Haus höher zu bauen als den Rathausturm. Dadurch wurde Hamburg zur einzigen Metropole europäischen Rangs ohne Hochhäuser auch dies verankert den maßvollen, bürgerlichen Charakter der Stadt im Seelenleben ihrer Bewohner gründlicher als alle Manifeste.
Wo in anderen Großstädten absolute Duodezfürsten willkürliche Sichtachsen und Schlösser wie Sperrgürtel in die Urbanistik zogen, setzte Hamburg einen geruhsamen Speckgürtel von gediegener Wohnbebauung an, der sich inzwischen knapp fünfzig Kilometer um die City spannt. Hier gibt es keine Adelspaläste und keine Jagdschlößchen, sondern hunderttausendfach den gebauten Traum des ehemals bäuerlichen Neusiedlers: ein Ziegelhaus im Grünen, gelinde zugewuchert und mit Autostellplatz. Wenn man morgens das Fenster öffnet, strömt die Salzluft herein, die der Strom ins Land trägt.
Trotz seiner dichten Bevölkerung durch knapp zwei Millionen Menschen ist Hamburg im Grunde immer luftig, grün und weiträumig geblieben. Zudem nutzt die Bourgeoisie das gewaltige Umland seit je als Freizeit und Gemüsegarten. Im Sommer behandelt die übrigens für eine Medienmetropole ausgesprochen erbärmliche Hamburger Tagespresse Nachrichten aus Sylt im Lokalteil. Timmendorfs Strand ist in Händen der sonnenhungrigen Stadtjugend, und die Ferienhäuser an der holsteinischen Seenplatte, auf der windumtosten Halbinsel Eiderstedt und in der Nordheide gehören am Wochenende den Hamburgern. Der knorrige Altkanzler Schmidt, der unter der Woche ein Leben lang mit Vorliebe als Weltökonom und Staatsmann auftrat, verkörpert den typischen Homo hanseatensis: Zwischen den Terminen setzte er sich auf seine Jolle und segelte den abgelegenen Brahmsee rauf und runter. Man kann bis ins Wendland im verlassenen Elbbogen fahren vor jedem zweiten der aufwendig restaurierten Rundlingshöfe wird man ein Auto mit Hamburger Kennzeichen finden. Hamburg, das Geheimnis verrät die Stadt nicht beim ersten Kennenlernen, findet auf dem Dorfe statt.
Der ganzen Welt haben die Bewohner ihr Gemeinwesen, das seit der deutschen Einheit und dem wiedergewonnenen Hinterland entlang der Elbe mehr prosperiert denn je, als scharf kalkulierende City verkauft, deren kulturelle und ökonomische Aktien gleich hinter London notiert werden. Hier, so scheint es, hört dieses föderalprovinzlerische Deutschland endlich einmal auf, Krähwinkel zu sein. Ein Hanseat von der Elbe hat sein Kapital in Fernost angelegt, schaut politisch und bei der Wahl seiner Jacketts über die Nordsee nach Britannien und hat die Verhältnisse in Skandinavien, mit dem ihn mehr verbindet als mit Bayern, fest im Blick. Aber wirklich daheim ist der Hamburger Kosmopolit im Grünen, das er mitten in seiner Stadt vorfindet keine zehn Minuten vom Bürosessel und der Internetleitung entfernt. Hier beginnt das eigentliche Hamburg, das kombinierte BadenBaden und Starnberg des Nordens, der Kurort der Tennis, Hockey und Ruderclubs, wo Anlegestege und Parkterrassen Freizeitgemütlichkeit der gehobenen Art offerieren.
Am besten läßt sich die angenehm bigotte Lebensweise dieser ländlichen Großstädter mit einem gemieteten Boot erkunden. An einem der windigen Sommertage, von denen es hier so viele gibt, tauche man die Ruder eines Kanus ins Alsterwasser und fahre ein in das Schattenreich der Kanäle von Winterhude oder Uhlenhorst. Es wird dann ganz still, nur hier und da kommt eine Ente angeschwommen, und von oben hört man Möwen kreischen. Gärten, halbe Parks ziehen sich am Ufer entlang. Spielgeräte, Baumhäuser für die Kinder sind verlassen; in einem Korbsessel sitzt hier und da ein matter Rentner, dem die Zeitung auf die Knie gesunken ist. Oder ein paar Omas haben sich zum Plausch auf einer Bank unter einer Esche versammelt.
Auf der asphaltierten Vorderseite dieses Idylls parken Zweit oder Drittwagen, jederzeit bereit, ihre Besitzer ins Getümmel der City zu fahren. Doch nach hinten heraus herrscht die Stille der Marschlandschaft, die vom Gluckern des Wassers nur verstärkt wird. Hamburg als Stadt, so merkt man erst hier, gibt es eigentlich nicht. Denn wo wäre das Zentrum dieser Grünanlage auszumachen, wenn nicht hier?
Bewohner, die aus der zentralisierten Hektik von London, Rom, Paris nach Hamburg kommen, suchen vergeblich die Mitte. Wo sich daheim bei ihnen ein konzentrisches Chaos um den herrscherlichen Kern legt, geht es in Hamburg breit und gemütlich zu. Die Stadt geht auf in ihrer eigenen großräumigen Peripherie und eignet sich gerade dadurch als Idealstadt westdeutscher Wohlhabenheit, als Villengroßstadt der gar nicht so mageren Schicht der Wohlstandsgewinnler. Da legt man auf den Schmuddel und die Unüberschaubarkeit anderer, nicht medialer Metropolen keinen Wert. Bis heute führt nicht einmal eine UBahn zum Flughafen, und auch einen Autobahnring hat es bis jetzt nicht gebraucht: Das Verkehrschaos in Köln oder Frankfurt ist um Dimensionen schlimmer.
Und doch spielt Hamburg als deutsche Metropole in der ersten Liga. Den Rang hat sich die Stadt verdient, sie nennt sich stolz eine Medienmetropole, aber in Wahrheit ist sie selbst ein Medium, das sich aus den verschiedenen Milieus konstituiert, die sich die Bürger im Lauf der Jahrhunderte kunstvoll aufgeschüttet haben: südliches Flair im Norden, Hochsee im Binnenland, Puff und Mafia im Freizeitpark, Stadtrepublik im Flächenstaat, Schweißgeruch in der reichsten europäischen Agglomeration. Hamburg und dies verschafft der Stadt im Computerzeitalter der allgegenwärtigen Simulation eine gesicherte Zukunft und läßt die Bewohner mit milder Ironie auf das verbissen bedeutsame Berlin blicken ist eine virtuelle und gerade darum eine wundervolle Metropole. Das echte Leben soll ruhig draußen stattfinden, die Hamburger bespielen ihre Bühnen. Eine der bekanntesten davon lernen wir an unserer nächsten Station kennen.

Vierte Station: Stadt, Land, Fluß

Vierte Station: Stadt, Land, Fluß

Wenn du nach Hamburg gehst, stell dir vor, daß dir die Gischt mit Sturmstärke zwölf entgegenpeitscht«, hatte man mir gesagt. »Dann machst du genau das richtige Gesicht, um als einer von ihnen erkannt zu werden. Dann halten sie dich nicht für einen Zugezogenen.«
Daß man mich selten für einen Zugezogenen hält, liegt vielleicht daran, daß es mir nie schwerfiel, so ein Gesicht zu machen. Ich komme aus Westfalen. Westfalen werden mit so einem Gesicht geboren. Vielleicht liegt es auch daran, daß dieser Ratschlag, wie alle guten Ratschläge, etwas übertrieben ist. Hamburger sind weder verstockt noch mürrisch. Gehen Sie mal nach Ostberlin. Dann wissen Sie, was mürrisch ist. Hamburger sind edel und stolz. Ein bißchen wie englische Dressurpferde. Sie sind nur ein wenig verschlossen, ein wenig mißtrauisch. Sie achten darauf, wer da durch ihr Revier geht. Und vor allem: wie dieser Jemand dabei aussieht. In kaum einer anderen Stadt werden Sie so viele gut gekleidete Menschen sehen wie in Hamburg. Dabei meint »gut gekleidet« nicht unbedingt besonders teuer oder auffällig. Eine leicht untertemperierte Eleganz kennzeichnet den Hamburger Kleidungsstil: unaufdringlich, von fast offensiver Schlichtheit, und gerade dadurch sehr präsent, sehr bewußt: »Was soll ich mir Federn ins Haar stecken, ich hab das nicht nötig. Federn sind albern. Ich bin Hamburger.«
Man kann böse sein und das arrogant finden. Man kann auch versuchen, nett zu sein und einen Satz darüber zu bilden, in dem das Wort Understatement vorkommt. Das würde dem Hamburger gefallen. Dem Hamburger gefallt alles, das irgendwie britisch ist also britisch aussieht, britisch klingt und so weiter. Was es mit der speziellen Kleiderordnung auf sich hat, verstehen Sie am ehesten, wenn Sie mal in einer fernen Stadt, sagen wir Rom oder Athen, darauf achten, wie die Reisegruppen aussehen, die den Bussen entsteigen. Die Hamburger erkennen Sie sofort. Zum Beispiel daran, daß sie selbst bei fünfunddreißig Grad im Schatten niemals kurze Hosen tragen. Oder gar Sandalen. Nicht auszudenken, das. Überhaupt nicht amused sind sie, die Britburger, wenn kurzbehoste Sandalenträger ihr Gesichtsfeld kreuzen. Mit Grausen wenden sie sich dann ab und murmeln irgendwas von non u, was soviel bedeutet wie »gar nicht upperclass« und somit »nicht gesellschaftsfähig«.
Und wenn Sie an Flughäfen zufällig einmal die Durchsage »Passagiere gebucht auf Flug LH 239 nach Hamburg werden zum Ausgang B12 gebeten« hören, dann erlauben Sie sich doch bitte den Spaß, dorthin zu gehen. Jede Wette: Sie erleben auf den orangefarbenen Plastikschalen an Ausgang B12 die größte Ansammlung an nachtblauen Tweedblazern, an hochwertigen Strickpullis über weißen Stoffhosen, die Sie bisher gesehen haben.
»Man kann in Hamburg jede Anzugfarbe tragen, vorausgesetzt, sie ist blau«, hat ein bekannter Herrenschneider mal gesagt, und daraus läßt sich ein Selbstverständnis ableiten, das bis heute Gültigkeit hat. Das Selbstverständnis, als Privilegierter, sprich: als Hamburger geboren zu sein. Dabei gibt es eigentlich nichts, das ein weitverbreitetes Vorurteil über die Hansestadt stützt. Ein Vorurteil, das direkt hinter »spröde protestantische Pfeffersackstadt, in der es immer regnet« und »sozialdemokratische Republik, die der Bombenkrieg zerstörte« auf Platz drei liegt. Ein Vorurteil, das seit Generationen nachgebetet wird und wahrscheinlich vor hundert Jahren von einem liebestrunkenen bengalischen Schiffsjungen im Suff ausgerufen wurde: »Hamburg ist schön!«
Die zarte Nachfrage jedoch, warum Hamburg schön sei, bringt viele Freunde der Hansestadt in Verlegenheit. »Weil es so viel Wasser gibt«, lautet die oft verschämte Ausrede nach einer angemessenen Schweigeminute. »Weiß ich nicht«, sagen andere und schütteln dazu unwirsch den Kopf, als wollten sie ein »Liebe kann man eben nicht erklären« hinzufügen.
In der Tat ist es schwierig, das Faible für diese Stadt an etwas Konkretem festzumachen. Schließlich hat Hamburg nichts von dem vorzuweisen, mit dem sich vergleichbare Metropolen gern schmücken. Hamburg ist das Tor zum Norden. Und in den Norden will niemand. Hamburg hat, anders als München, kein Herrscherschloß voller Kostbarkeiten, hat keine Weinhügel wie Heidelberg, keine Altstadt wie Bamberg und keine Kathedrale wie Köln. Der Stadt fehlt der heruntergekommene Charme eines NachkriegsReservates, wie es Berlin in glücklichen Tagen noch verkörperte. Die Hamburger Museen sind Mittelmaß, die Oper ein stilloser FünfzigerJahreKasten. Natürlich sind die Theater in Ordnung. Aber gemessen an der Qualität der Theater ist auch das Ruhrgebiet eine Weltmetropole. Dazu kommt: das Wetter. Natürlich. Das Wetter ist zum Gotterbarmen. Zugige Sommer und neun Monate Nieselwinter ohne eine einzige Chance auf Schnee. Doch dazu später mehr. Zunächst bleibt festzuhalten: Es gibt nichts wirklich Großartiges in der Hansestadt. Warum also ist Hamburg schön?
Um das zu beantworten, muß man vielleicht etwas zurückgehen. Denn die Entwicklung der Stadt hat maßgeblich mit ihrem heutigen Reiz zu tun.
Als vor mehr als tausend Jahren die Hammaburg buchstäblich in den Sumpf gerammt wurde, gab es nichts weiter als einen großen Bach, die Alster, die inmitten schlammigen Marschlandes in einen breiten Fluß, die Elbe, mündete eine überaus undankbare geographische Ausgangssituation, um eine Stadt zu gründen. Daß Hamburg heute mit einer teilweise malerischen Villenlandschaft zu verzücken versteht, daß die Alster umsäumt ist von herrschaftlichen Kontorbauten, ist bürgerlichen Landschaftsarchitekten zu verdanken, die zweihundert Jahre nach Gründung der Hammaburg damit begannen, eine Gartenstadt anzulegen. Das fing mit dem Aufstauen der Alster hinter der Innenstadt an, eine Aktion übrigens, die gründlich fehlgeschlagen ist: Denn ursprünglich sollte der Fluß unter anderem zum Betreiben einer Mühle gestaut werden. Es entstand aber eine Überschwemmung, die man so nicht erwartet hatte und dann aus praktischen Erwägungen »See« nannte. Dieser »See«, dessen Ausmaße etwa der Fläche des Fürstentums Monaco entsprechen, war schlicht und ergreifend ein Versehen. Jeder Hafenkai wurde danach künstlich aufgeschüttet, die Elbe zur Stadt hin eingedeicht, die feuchten Wiesen als Bauland trockengelegt und Kanäle in die Wohngebiete gezogen. Entlang den so gebändigten Gewässern legten wohlhabende Händler ihre Lustgärten an, die sie vom Kontor aus bequem mit dem Boot erreichen konnten.
Diese Sphäre von Ruderclub, Landpartie und Wintergarten haftet einem Großteil der Stadt bis heute an: Anstelle von Prunkbauten schufen sich die Hamburger Bürger Schaufronten für ein angenehmes Privatleben. Das ist auch der Grund, warum Hamburg eher von optischen Klischees lebt als von historischer Substanz. Die Stadt besteht aus sehr sorgsam arrangierten Bildern, die den Bewohnern das jeweils gewünschte Programm vorspiegeln.

Dritte Station: Hamburg rotweiß

Hamburg rotweiß

Laut eines mehr oder minder geflügelten Wortes ist man angeblich das, was man ißt. Und da wir uns der Hanseatenseele tastend nähern wollen, probieren wir es doch mal auf diesem Weg.
Also: Wenn es stimmt, daß der Hamburger ist, was er ißt, dann wäre er ein lupenreiner Kosmopolit. Oder: ein entwurzelter Allesesser. Ein herrenloser Feinschmecker. Kurz: ein Barbar.
Nein. Es wäre gelogen zu behaupten, es gäbe keine gewachsene regionale Küche in Hamburg. Aber eingedenk der Tatsache, daß Hamburg schon immer zu den reichsten Städten der Welt zählte und die wohlhabenden Kaufmannsfamilien sich Bedienstete leisten konnten, die sie ihrer jeweiligen Herkunft entsprechend bekochten, verwundert es nicht, daß die Auswahl an hanseatischer Hausmannskost relativ überschaubar ist schon deswegen, weil es kaum hanseatische Hausfrauen gab; jedenfalls nicht solche, die typisches »ArmeLeuteEssen« zubereitet hätten. Und typisches »ArmeLeuteEssen« ist es, das eine Region kulinarisch färbt. Italien ist untrennbar mit Pizza und Pasta verbunden, Spanien mit Paella, Mexiko mit Tortillas, und natürlich sind Pizza, Tortilla und Paella nichts weiter als »Resteverwertungsessen«: Alles ist drin, was die Küche hergibt oder was vom Vortag übrigblieb. Die Hamburger Entsprechung des Resteverwertungsessens ist die sogenannte »Aalsuppe«, die zwar nichts mit Fisch zu tun hat, in der man aber sonst so ziemlich alles finden kann, was man darin zu erkennen glaubt. Denn »al« mit gedehntem »a« gesprochen bedeutet auf gut hamburgisch nichts anderes als »alles«, und wenn man darin hier und da auch mal ein paar Aalstücke sieht, dann nur deshalb, weil sich unwissende Touristen immer wieder darüber beschweren, daß in der Aalsuppe kein Aal sei, und das gehe ja wohl nicht, eine Aalsuppe ohne Aal. Naja, und da hatten die Hamburger Gastronomen irgendwann einfach keine Lust mehr, sich das immer wieder anzuhören und immer dieselbe alte Geschichte zu erzählen, und seitdem schwimmt in der Aalsuppe manchmal auch Aal. Hauptsächlich jedoch besteht die süßsauer und recht scharf schmeckende Suppe aus der Brühe von Schinkenknochen, Gemüse und Kräutern, Schinkenspeck, Bohnen, Grießklößchen, Dörrpflaumen und Birnen, getrockneten Aprikosen, Weißwein, Pfeffer, Zimt und Nelken. Wer sich nicht vorstellen kann, daß das schmeckt, hat vermutlich recht. Alle anderen dürfen gerne mal einen Teller probieren.
Andere typisch hamburgische Gerichte sollen dicke Bohnensuppe mit Birnen und Speck, Erbsensuppe mit Snuten und Poten (Schweinebacken, Ohren und Pfoten), Hamburger Pannfisch (verschiedene Fischstücke in Senfsoße), ButtermilchGraupensuppe, Fliederbeersuppe, Rode Grütt (Rote Grütze) und natürlich das Labskaus sein. Doch zumindest bei letzterem scheint unstrittig, daß es aus Bremen stammt was eigentlich schade ist, stellt es doch die Aalsuppe, was die Abartigkeit der Zutaten angeht, weit in den Schatten: Gepökeltes und gekochtes Rindfleisch geht bei dieser internationalen Seemannsspezialität, die bereits in Herman Melvilles »Moby Dick“ Erwähnung findet, eine unwiderstehliche Liaison ein mit pürierten Kartoffeln, Zwiebeln, Gewürzen und roter Beete. Das alles wird zu einem Brei vermanscht, ein Rollmops kommt dazu, und obendrauf, als Krönung gewissermaßen, wird ein Spiegelei gelegt.
Was jedoch den weltweit mittlerweile inflationär vertriebenen »Hamburger« angeht, so darf vermutet werden, daß der Ursprung des Wortes nicht auf das englische »ham« zurückgeht, sondern daß der Fleischklops zwischen Teigdeckeln tatsächlich nach der Hansestadt benannt wurde: Um die Jahrhundertwende, als sich die Tische der Kaufmannsfamilien noch unter der Last fetter Braten, mächtiger Soßen und üppiger Nachspeisen bogen, gönnte sich das einfache Volk zur Feier des Tages ein »Rundstück warm« also eine aufgeschnittene Semmel mit einer ordentlichen Scheibe Schweinebraten und viel Soße dazu. Die Legende besagt nun, daß ein ausgewanderter Hamburger in Amerika seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf des »Rundstücks warm« verdient habe, und natürlich sind alle Hamburger davon überzeugt, daß dieses Brötchen mit Fleisch drauf der Vorläufer des weltbekannten Burgers war.
Absolut unstrittig dagegen ist, daß das Alsterwasser (helles Bier mit Zitronenlimonade, jeweils zu gleichen Teilen gemischt, vergleichbar mit der bayerischen »Radlermaß« oder dem »Potsdamer« im Berliner Raum) seine etymologischen Wurzeln in der Hansestadt hat: Früher wurde das Wasser zum Brauen des Bieres direkt aus den Fleeten der Alster genommen. Dort landete aber auch der ganze Dreck, so daß man die Bewohner aufforderte, an bestimmten Tagen »nicht in die Alster zu scheißen«, weil am nächsten Tag gebraut wurde. Die Tatsache, daß es heute verboten ist, in der Alster zu baden, hat damit jedoch nichts mehr zu tun, denn die Wasserqualität der Alster ist relativ gut dort sind aktuell sogar über zwanzig Fischarten heimisch. Es ist nur schlicht untersagt, ein Gewässer zum Baden freizugeben, in dem die Sichttiefe weniger als einen Meter beträgt. Daß das so ist, liegt wiederum daran, daß viele Nebenarme der Alster aus Moorgebieten kommen. So bleibt selbst ein Gewässer, das an seiner tiefsten Stelle lediglich zweieinhalb Meter mißt, bis heute undurchschaubar.
Ach ja: der steife Grog kommt natürlich auch aus Hamburg. Frei nach dem Motto: Rum muß, Zucker darf, Wasser braucht nicht. Eine gewöhnungsbedürftige Sonderform ist der mit Eigelb zubereitete Eiergrog. Aber der ist, genau wie eine Kuriosität namens »Koks« (nicht zu verwechseln mit dem umgangssprachlichen Ausdruck für Kokain) auch unter hartgesottensten Hamburgern kaum noch zu finden. »Koks« nämlich ist für echte Kerle und bezeichnet ein in Rum getränktes Zuckerstück, das mit groben Kaffeebohnenkrümeln bestreut wird und bei Windstärke zwölf sicher Wunder wirkt.
Die hanseatische Getränkeliste vervollkommnet der »Köhm«, ein klarer Schnaps mit leichtem Kümmelgeschmack, der gern zum Bier getrunken und besonders in hafennahen Kneipen mit »lütt un lütt« bestellt wird. Doch abgesehen von diesen Relikten der Hamburger Traditionsküche, die man ohnehin nur noch in ausgewiesenen Lokalen auf der Karte findet (die allesamt aussehen, als säßen darin ausschließlich HeidiKabel und WillyMillowitschDoubles), wird das heutige Hamburg auch kulinarisch seinem Slogan »Tor zur Welt« gerecht: Von Ägypten bis Zypern darf hier fast jedes Land seine Kochkünste präsentieren.
Hamburg ist, wenn man dem »Feinschmecker« glauben darf, kulinarisch sogar die Nummer eins in Deutschland. Und das nicht, wie man vermuten könnte, wegen absoluter Topadressen, sondern dank einer sehr soliden Mittelklasse. Die nämlich heimst, alles in allem, mehr FeinschmeckerPunkte, Sterne, Häubchen und Gäbelchen ein als jede andere Stadt.
Hamburgs nicht unbedingt bestes, aber bekanntestes Kiezrestaurant ist schon seit etwa hundert Jahren erfolgreich: Das »Cuneo« an der Davidstraße. Seit 1905 ist dieses kleine Lokal im Besitz derselben Familie. Noch heute kümmert sich ein Herr Cuneo stets persönlich um das Publikum, zu dem überdurchschnittlich viele Prominente gehören tatsächliche und eingebildete. Roger Willemsen behauptet, daß man nach Feierabend das »Cuneo« kaum betreten kann, ohne Stefan Aust im Kreise seiner Praktikantinnen sitzen zu sehen. Da soll er dann mit der Faust auf den Tisch schlagen und den Raum mit Sätzen beschallen, die alle mit »Wenn das in Deutschland einreißt…« anfangen.
Da der Restaurantchef nicht immer wissen kann, wer gerade aus welchem Grund wichtig ist, behandelt er jeden Gast wie einen Ehrengast und hilft zum Abschied allen Damen in den Mantel. Auch das »Rive«, unten am EnglandfährenAbleger, war lange ein Umschlagplatz des journalistischen Genußmittelhandels. Die Chefredakteure gingen immer noch vor dem Küchenchef von Tisch zu Tisch und begrüßten Kollegen und Konkurrenten. Man achtete hier auf den verbindlich unverbindlichen Ton auch deshalb, weil man sich auf dem engen Raum Hamburgs ständig wiederbegegnete. Heute ist das »Rive« zum allgemeinrepräsentativen Feinschmeckertreff geworden, in dem am Nachbartisch von Regisseur Dieter Wedel auch mal Börsengrößen statt Medienmacher sitzen können.
Kulinarisch zählt das »Landhaus Scherrer« an der Eibchaussee seit fast einem Vierteljahrhundert zum Besten (und Teuersten), was Hamburg zu bieten hat, von den Preisen her nur noch übertroffen von dem wenige Häuser weiter gelegenen »Le Canard«: Hier wird perfekte Nouvelle Cuisine für Großverdiener geboten.
Wer meint, wenn er schon in Hamburg ist, müsse er unbedingt Fisch essen, dem sei das »FischereihafenRestaurant« an der Großen Elbstraße empfohlen. Hamburgs bekanntestes Fischrestaurant liegt zwischen Fischhändlern am Hafen, von außen unspektakulär. Doch schon an der Treppe wartet ein Herr in Livree auf die Gäste und geleitet sie die Stufen hinauf. Wer das Glück hat, den Ecktisch am Fenster reserviert zu bekommen, oder auf dem Balkon Platz nehmen kann, genießt einen grandiosen Blick, den auch schon Tom Cruise und Sean Connery zu würdigen wußten.
Zünftiger geht es im nicht minder legendären »Old Commercial Room« in der Neustadt zu. Gegenüber dem Michel speisen seit 1795 Kapitäne, Kaufleute und Staatsmänner. Das Personal stellt Gästen eine kleine Flagge ihres Heimatlandes auf den Tisch; serviert Ewerscholle, Pannfisch, Langusten danach einen Kümmel oder eine Cohiba. Nicht nur Altbundeskanzler Helmut Schmidt fühlt sich in der maritimhanseatischen Atmosphäre dieses Traditionslokals wohl: Wer einmal das Hamburger Nationalgericht aus Bremen kosten möchte, sollte es hier tun. Das Labskaus gilt nämlich immer noch als das beste der Stadt.
Eine Hamburger Besonderheit sind sicherlich die mittlerweile vier AsienRestaurants und Imbisse der Koreanerin Lee Kae Soom, die alle »Bok« heißen. »Bok« bedeutet auf koreanisch »Glück«, und Glück hatte die siebenfache Großmutter mit ihrem ersten und bis heute reizvollsten Lokal im Schanzenviertel gewiß: Der einfache Stehimbiß avancierte schnell zum Intreff und ist immer noch (und egal, wann man ihn betritt) rappelvoll. In einem Hinterzimmer, das irgendwie mafiamäßig aussieht, fläzt man sich auf umgedrehten Bierkisten mit der Pappe von Getränkedosenpaletten als Sitzkissen drauf, schlürft Kokossuppe und genehmigt sich dazu eine Flasche TsinTaoBier (das Sie sich unbedingt vorher aus dem Kühlschrank genommen haben sollten, wenn Ihre Mundhöhle zu den Körperteilen gehört, auf die Sie ungern verzichten würden).
Eigentlich aber ist in Hamburg ja die Lage eines Restaurants viel wichtiger als die Qualität der Küche. Ein Blick über die Außenalster ist höchstens von einer guten Aussicht über den Hafen zu toppen, und entsprechend zahlt man dort auch nicht zwingend für die Virtuosität des Küchenchefs.
Natürlich wäre es eine Unterstellung, zu behaupten, dem Hamburger ginge es ausschließlich darum, wo er ißt. Es interessiert ihn auch durchaus, was er ißt. Zumindest am Rande. Solange der Ruf des Lokals stimmt. Solange einen der Wirt mit Küßchen begrüßt und die richtigen Leute beim Speisen beobachten: Mit enormer Kunstfertigkeit schält der Hanseat dann das RedSnapperFilet aus dem Bananenblatt, mit gespitzten Lippen kostet er den Wein, und mit vollendeter Geste drapiert er Bargeld unter die Rechnung. Noblesse oblige. Das gilt in Hamburg auch für Eilige: In jeder der zahlreichen überdachten Passagen der Hansestadt findet sich mindestens ein EdelStehimbiß. Hummer gehen dort in einer Zahl über den Tresen, daß man meinen könnte, es seien Matjesbrötchen, und hier tun. Das Labskaus gilt nämlich immer noch als das beste der Stadt.
Eine Hamburger Besonderheit sind sicherlich die mittlerweile vier AsienRestaurants und Imbisse der Koreanerin Lee Kae Soom, die alle »Bok« heißen. »Bok« bedeutet auf koreanisch »Glück«, und Glück hatte die siebenfache Großmutter mit ihrem ersten und bis heute reizvollsten Lokal im Schanzenviertel gewiß: Der einfache Stehimbiß avancierte schnell zum Intreff und ist immer noch (und egal, wann man ihn betritt) rappelvoll. In einem Hinterzimmer, das irgendwie mafiamäßig aussieht, fläzt man sich auf umgedrehten Bierkisten mit der Pappe von Getränkedosenpaletten als Sitzkissen drauf, schlürft Kokossuppe und genehmigt sich dazu eine Flasche TsinTaoBier (das Sie sich unbedingt vorher aus dem Kühlschrank genommen haben sollten, wenn Ihre Mundhöhle zu den Körperteilen gehört, auf die Sie ungern verzichten würden).
Eigentlich aber ist in Hamburg ja die Lage eines Restaurants viel wichtiger als die Qualität der Küche. Ein Blick über die Außenalster ist höchstens von einer guten Aussicht über den Hafen zu toppen, und entsprechend zahlt man dort auch nicht zwingend für die Virtuosität des Küchenchefs.
Natürlich wäre es eine Unterstellung, zu behaupten, dem Hamburger ginge es ausschließlich darum, wo er ißt. Es interessiert ihn auch durchaus, was er ißt. Zumindest am Rande. Solange der Ruf des Lokals stimmt. Solange einen der Wirt mit Küßchen begrüßt und die richtigen Leute beim Speisen beobachten: Mit enormer Kunstfertigkeit schält der Hanseat dann das RedSnapperFilet aus dem Bananenblatt, mit gespitzten Lippen kostet er den Wein, und mit vollendeter Geste drapiert er Bargeld unter die Rechnung. Noblesse oblige. Das gilt in Hamburg auch für Eilige: In jeder der zahlreichen überdachten Passagen der Hansestadt findet sich mindestens ein EdelStehimbiß. Hummer gehen dort in einer Zahl über den Tresen, daß man meinen könnte, es seien Matjesbrötchen, unddas Publikum von FischGösch, einer »Filiale« der legendären nördlichsten Fischbude Deutschlands auf Sylt, in der Wandelhalle des Hauptbahnhofs wirkt auf die Bahnhofspenner mit Sicherheit abschreckender als jedes Polizeiaufgebot.
Wie in anderen Großstädten auch geht man in Hamburg relativ spät ins Restaurant, weshalb die Chance, einen Tisch um die Mittagszeit oder am frühen Abend zu ergattern, relativ groß ist. Im Sommer jedoch, wenn das Wetter mitspielt, ist es in den Inlokalen an Elbe und Alster vor Einbruch der Dunkelheit nahezu unmöglich, einen Platz an der Sonne zu besetzen. Die Freilufttempel »Cliff«, »Bodos Bootssteg« oder »Bobby Reich« sind chronisch überfüllt, und auch am Elbufer ist »Land unter«. Besonders bei der »Strandperle«, Hamburgs Kulttreff, die so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner der Stadt darstellt: den Ort also, auf den sich alle einigen können, egal ob Broker oder Student, Punk oder Yuppie, Hund oder Kind. Dabei ist die Bretterbude am Oevelgönner Elbstrand im Grunde nichts weiter als ein schlichter SelbstbedienungsKiosk, der sich optisch kaum von einer herkömmlichen Trinkhalle unterscheidet. Nur, daß man dort eben die Wahl hat zwischen Sandstrand und Klappstuhl, daß man einen unverstellten Blick auf das ContainerTerminal am anderen Eibufer genießt und im Rücken die gepflegte Beschaulichkeit Oevelgönner Vorgärten spürt und daß man ständig Schifferaten spielen kann, natürlich. Wenn sich die Ozeanriesen und Containerschiffe aus aller Welt wie knallbunte Farbwände vorbeischieben, dreihundert Meter lang, zwanzig Meter hoch, in Rot, Gelb, Blau und Grün, schwimmende, patchworkartige Plattenbauten, dann gehört das schon zu den eigentümlichsten Schauspielen der Stadt.
In den Sommermonaten lassen sich die Betreiber der »Strandperle« darüber hinaus einiges einfallen, um den Bierumsatz zu maximieren: Sie laden Duos mit Akkordeon und Gitarre ein, die die Bezeichnung »Hamburger Urgestein« nicht als Beleidigung empfinden; sie lassen junge Dichter und Denker unter dem Motto »Poets on the beach“ Selbstgeschriebenes vorlesen, sie lassen Salzbrezelverkäufer mit Bauchläden herumgehen, damit man schnell wieder Durst kriegt, dazu geben Feuerschlucker und Akrobaten ihr Bestes, aber eigentlich ist das alles vollkommen unnötig, denn die »Strandperle« ist das berühmteste Café Hamburgs, der geläufigste Fixpunkt an der Elbe und damit Treffpunkt für fast alle Verabredungen.
Eine Essensverabredung der poetischen Art kann man übrigens seit Jahren in dem Gebäude eines großen Hamburger Verlagshauses beobachten: Unter der Kantine des AxelSpringerVerlages gibt es ein Restaurant, in dem sich jeden Tag zwei Menschen treffen, die noch nie miteinander gesprochen haben. Sie kommen pünktlich um halb eins zum Mittagessen und setzen sich an die von ihnen reservierten Tische. Der Herr sieht aus wie ein Lord in einer alten englischen Serie, und die Dame sieht aus wie eine Lady in einer alten englischen Serie. Sie treffen jedesmal fast gleichzeitig ein, und sie sind ungefähr gleich alt. Beide haben weiße Haare, denen man ansieht, daß sie gut riechen. Sie setzen sich einander gegenüber, jeder an seinen Tisch, und rücken ihre Stühle zurecht. Dann nehmen sie die Speisekarten und überlegen, was sie essen wollen. In der SpringerKantine fliegt das Leuchtband mit den neuesten dpaMeldungen vorbei.
Das geht schon seit Jahren so. Sie grüßen sich nicht, und sie nicken sich auch nie zu. Sie sitzen sich einfach gegenüber, jeden Tag um halb eins, und essen ihre Vorspeise, während auf dem SpringerTicker die Bürgerkriege vorbeiziehen, die Hungersnöte und Flugzeugabstürze; sie sehen sich nicht an und essen, essen und trinken, und ihre Hand streift vielleicht das Tischtuch, wenn er das Hauptgericht bekommt, Börsencrash in Tokio, und seine Hand nimmt vielleicht das Messer, das später ins Fleisch schneiden wird. Prominente haben sich vielleicht getrennt, und das Wetter bleibt schwül.
Dann kommt ihr Hauptgericht, und die Springer Kantine wird geflutet von Journalisten, die aus den Türen der Redaktionsbüros strömen, den Schatzkammern des Wissens; sie essen TofuBratlinge und Gemüse mit leichtverdaulichen Soßen, um ihre Mägen nicht zu belasten. Um nicht müde zu werden, die Welt zu informieren.
Volksaufstände werden zerschlagen, Aktien steigen. Die Freibadsaison wird eröffnet. Aktien fallen. Jetzt kommt der Nachtisch.
Die SpringerLeute rauchen und trinken Kaffee und haben vielleicht Angst, zu spät zu den Informationen zurückzukommen, weil Wissen Macht ist und Unwissen Ohnmacht; sie steht jetzt auf und nimmt ihren Mantel; er sieht ihr nicht nach und geht dann auch, und es kommt wieder Leben in die Bildschirme des AxelSpringerVerlages, weil Informationen jetzt wieder verarbeitet werden, und vielleicht lächelt in diesem Moment der Kellner, weil er daran denkt, die Tische morgen ein Stück weiter zueinander zu schieben, und vielleicht lächelt er auch, weil er weiß, daß er das nicht tun wird. Daß sich das niemals ändern darf.

Zweite Station: Am Ende des Tunnels

Am Ende des Tunnels:
Wer mit dem Auto nach Hamburg will und es nicht besser weiß, fährt durch den Elbtunnel. Und zwar ganz langsam. Weil’s so schön ist.
Es soll ja Leute geben, die geradezu süchtig nach Staus sind. Die irgendwie das Gefühl brauchen, im Kollektiv Widrigkeiten ausgesetzt zu sein, die sie nicht selbst zu verantworten haben: »Ich bin ein Spielball der Elemente« und freuen sich dann darüber, daß es anderen auch nicht besser geht. Trotzdem, und das unterscheidet sie von den meisten ihrer Leidensgenossen, sind sie auf alles vorbereitet. Das heißt: Sie haben ihren Picknickkorb immer dabei. Per Handy informieren sie den ADAC über die aktuelle Verkehrslage. Über Seiten und Rückspiegel und durch Fensterscheiben kommunizieren sie nonverbal mit den Staugenossen, jovialen ein »Tja, was soll man machen«Schulterzukken nach rechts, dokumentieren ihre Komplizenschaft mit dem »Herrgott, wann geht das denn endlich weiter«Choleriker mit pausenlosem Gehämmere auf das Lenkrad nach links und fühlen sich bei alldem im Grunde pudelwohl.
Diesen Leuten ist der chronische Elbtunnelstau die tägliche Dosis Methadon bis zum Beginn der Sommerferien. Und wie bei allen wirklich großen Staus weiß auch bei diesem niemand so recht, wie er überhaupt zustande kommt. Denn wie durch ein Wunder geht es nach dem Tunnel egal, von welcher Seite man durchfährt plötzlich zügig weiter, und das kann nicht nur damit zu tun haben, daß ständig irgendeine Röhre neu gebaut wird oder gesperrt ist. Das hat mit etwas Grundsätzlichem zu tun. So etwas wie einem Geburtskanaltrauma. Wie sonst ist es zu erklären, daß es bis zur tiefsten Stelle, die knapp dreißig Meter unter der Wasseroberfläche liegt, kaum vorangeht (ein tastendes, sich gegen die Schwerkraft stemmendes und bremsendes »Nein, ich will nicht«), und wenn diese Stelle überwunden ist, geben plötzlich alle Gas?
Ich weiß es nicht. Und vielleicht ist es sogar gut, gewisse Hamburger Eigenarten nicht zu verstehen. Nur: kennen sollte man sie. Denn am Ende des Tunnels wartet eine ganz neue Welt. Eine Welt aus Wasser, Wind und Barbourjacken, aus rotem Backstein und prunkvollen Villen, aus hypermodernen Businesstempeln und dem Geruch von Teer und Fisch. Eine Stadt, die wie eine aristokratische Diva würdevoll zwischen Glamour und Gosse schwankt, mit Menschen darin, die alle irgendwie britisch tun, und vielleicht liegt da der wahre Grund für den Elbtunnelstau. Vielleicht möchte man die Einreisedauer schlicht der Fahrt durch den britischen chunnel angleichen, jenen fünfzig Kilometer langen Kanaltunnel zwischen Großbritannien und Kontinentaleuropa, dessen Durchquerung mit dem Hochgeschwindigkeitszug immerhin eine gute halbe Stunde dauert. Denn das ist in etwa die Zeit, die man auch mit dem Auto braucht, um die drei Kilometer unter der Elbe durchzufahren. Egal, zu welcher Zeit. Egal, wieviel Verkehr ist. Egal, wie oft Polizeidurchsagen daran gemahnen, bitte zügig weiterzufahren, weil der nachfolgende Verkehr behindert werde: Es finden sich immer ein paar Hamburger, die die Röhren verstopfen, um den Neuankömmlingen Respekt beizubringen. Wie Eltern am Heiligen Abend fühlen sie sich dann, die ihre neugierigen Kinder im dunklen Zimmer eingesperrt lassen, in der irrigen Annahme, das Warten auf die Bescherung sei doch immer noch am schönsten, und die Gaben würden sie reich entlohnen.
Daß es sich lohnt, das Warten, daran besteht für Hamburger natürlich überhaupt kein Zweifel. Schließlich leben sie in der schönsten Stadt Deutschlands. Wo, bitte schön, gibt es sonst noch mitten im Zentrum einen riesengroßen See, auf dem man sogar segeln kann? Wo sonst gibt es so viele gutaussehende Menschen, einen Hafen, der keinen Vergleich scheuen muß, wo gibt es so viel Grün, so viel Geld, so viele Legenden?
Daß Hamburg eine Stadt mit hoher Lebensqualität ist, scheint auf der Hand zu liegen. Deshalb gibt es für die zur Tiefstapelei neigenden Hamburger auch nicht den geringsten Grund, das ständig zu betonen. Hamburg muß man nicht erklären. Hamburg ist.
Aus der Luft betrachtet gehört die Hansestadt sogar zu den grünsten Städten Europas. Allein der Ohlsdorfer Friedhof hat eine Ausdehnung von über vierhundert Hektar und ist damit der zweitgrößte Friedhof der Erde. Mit seinen aktuell knapp dreitausend Brücken steckt Hamburg die VorzeigeBrückenstädte Amsterdam, London und Venedig (Hamburg hat etwa siebenmal mehr Brücken als die Lagunenstadt!) zusammen lokker in die Tasche, und auch sonst platzt Hamburg buchstäblich vor Superlativen. Zum Beispiel gibt es keine andere Stadt, die derart unsentimental mit den Zeugnissen ihrer eigenen Geschichte umgeht: An der Stelle, an der Hamburg einst gegründet wurde, findet sich heute keine Gedenktafel, sondern ein staubiger Parkplatz. Der mittelalterliche Dom ist längst abgerissen. Die Keimzelle des Hafens zugeschüttet. Und das einstige Gängeviertel zwischen Rathaus und Bahnhof wurde einfach plattgemacht. Ende des vergangenen Jahrhunderts fiel sogar ein ganzes Stadtviertel mit immerhin 25 000 Einwohnern einer rigorosen Sanierung zum Opfer. Dort entstand zwar die weltweit einzigartige Speicherstadt, die bis heute Zollausland geblieben ist und zu den bedeutendsten Hamburger Baudenkmälern gehört, aber auch das hindert den Senat nicht daran, über ihren Verkauf nachzudenken.
Nur wenige Dutzend Bauwerke sind überhaupt noch aus der Zeit vor 1800 erhalten, und maßgeblich schuld daran ist weder der Große Brand von 1842 noch der Erste Weltkrieg, der Hamburg weitgehend unversehrt gelassen hat, und auch nicht der Bombenhagel von 1943, sondern: die Neubauwut der Hanseaten. Diese Herzlosigkeit gegenüber der eigenen Vergangenheit ist es wohl, die den Kunsthistoriker Alfred Lichtwark bereits vor über hundert Jahren dazu veranlaßte, Hamburg mit dem wenig rühmlichen Zusatz »Freie und Abrißstadt« zu versehen.
Allein: den Hanseaten kümmert’s wenig. Ausgestattet mit der Poesie eines Frachtbriefs, hauen die Enkel der vielgeschmähten »Pfeifersäcke« (eine Bezeichnung für den hanseatischen Kaufmann, den es ständig nach Geschäften drängt und der es zu was gebracht hat vielleicht sogar mit Pfeffer, der einst so kostbar war, daß er mit Gold aufgewogen wurde) alles kaputt, was ihnen im Weg steht. Ohne Rücksicht auf Geschichte. Aber mit viel Rücksicht auf Verluste: Wenn’s um Geld geht, kennt die Hanseatenseele weder Freunde noch Verwandte. Ganz zu schweigen von Ikonen. Hamburger wären sogar in der Lage, im Michel einen McDrive zu eröffnen ohne mit der Wimper zu zucken. Vorausgesetzt natürlich, das Angebot stimmt.
Die größten Katastrophen wären nicht geschehen, wenn die Pfeffersäcke nicht im Weg gestanden hätten. Der Große Brand vom Mai 1842 zum Beispiel, der drei Tage lang wütete und fast die gesamte Innenstadt zerstörte. Hätte man rechtzeitig Schneisen in die Häuserzeilen gesprengt, wäre das Schlimmste verhindert worden. Doch der Senat lehnte ab weil er Regreßansprüche der Hausbesitzer fürchtete. Das einzige, das man bezeichnenderweise zu retten verstand, war, natürlich: die Börse.
Hausgemacht war auch die große Choleraepidemie von 1892, bei der fast 10000 Menschen starben, weil eine Sanierung der Gängeviertel verschleppt worden war. Dort herrschten hygienische Zustände, die Robert Koch, den Entdecker des Choleraerregers, vergessen ließen, daß er sich in Europa befand.
»Begegnet man zufällig einem Kaufmann auf der Straße und begrüßt ihn, so macht er ein Gesicht, als erwarte er zwei Prozent für die Erwiderung des Grußes«, hat ein Besucher der Hansestadt mal geschrieben, und geht man heute an einen der wenigen Orte, an denen die gute hanseatische Kaufmannstradition noch in Reinkultur gepflegt wird, so stellt man fest, daß sich daran kaum etwas geändert hat. Nur der Prozentsatz ist der schleichenden Inflation entsprechend angemessen erhöht worden.
Sie merken also: Nach dem Elbtunnel sollten Sie sich anschnallen. Vergessen Sie alles, was Sie je über Seefahrerromantik gehört haben. Über die Reeperbahn nachts um halb eins. Über die Beatles im Starclub. Über Blaue Jungs und Hamburger Deerns. Hamburg ist anders. Ganz anders. Die Männer in der Hansestadt sehen nicht aus wie eine Kreuzung aus Helmut Schmidt und Hans Albers. Und die Frauen sehen auch nicht aus wie eine Kreuzung aus Veronica Ferres und Marlene Dietrich. Wenn Sie auf St. Pauli tatsächlich noch einen Seemann treffen sollten, können Sie sicher sein, daß er arbeitslos ist: Die Liegezeiten der Schiffe im Hafen sind mittlerweile so kurz, daß die Matrosen gar nicht mehr an Land können. Echte Seeleute gibt es kaum noch. Und wenn Sie doch mal jemanden treffen, der wie ein Seemann aussieht, dann haben Sie es mit einem hoffnungslosen Nostalgiker zu tun, der sich verkleidet hat und sich jede Nacht im »Silbersack« nahe der Reeperbahn betrinkt der letzten Bastion Hamburger Klischees. Dort (und nur dort) gibt es noch eine alte Jukebox, in der Sie sämtliche HansAlbersSingles finden. Nur darauf segeln noch »Veermaster«, und nur im »Silbersack« wird ein »Junge, komm bald wieder« noch laut und falsch und begeistert mitgesungen. Aus Kehlen, die rauh sind wie die Nordsee.
Aber außerhalb weht ein ganz anderer Wind. Der Wind einer Freiheit, die nichts mit Seefahrerei und nichts mit der berühmten »Großen Freiheit Nr. 7« zu tun hat, sondern mit der Freiheit des Handels und der Freiheit, seine eigenen Gesetze machen zu können.
Diese Freiheit hat eine lange Tradition, denn seit mehr als fünfhundert Jahren gibt es keine Fürsten oder sonstigen Herrscher mehr in dem Stadtstaat. Nachdem die von Ludwig dem Frommen um 831 begründete Siedlung »Hammaburg« (die übrigens immer noch weiß auf rotem Grund das Stadtwappen ziert) sowie die später errichtete »Neue Burg« meist unter dänischer oder holsteinischer Herrschaft gestanden hatten, agierte die Freie Reichs und Hansestadt ab 1400 selbstbewußt zu Wasser und zu Lande weshalb den Hamburgern auch heute noch gerne nachgesagt wird, sie trügen zwar den Kopf, nicht aber die Nase oben.
Ihre Nase halten sie bestenfalls in den Wind, der natürlich immer weht. Sogar morgens um sechs, wenn er die Hansestädter zum Joggen um die Alster ruft, und auch an diesem zweiten großen Gewässer sind alle Hamburger gleich: Studenten aus dem Univiertel, Banker, die sich für den sozialdarwinistischen Überlebenskampf im Businessdschungel fit machen, Trendglatzen und natürlich die versammelten Kreativabteilungen der großen Werbeagenturen mit rufbereiten Handys laufen und schwitzen (freilich in unterschiedlich teurem Tuch) und fühlen sich unsagbar: frei. Frei von Fett, frei von der Unbill des Alltags und frei von finanziellen Beschränkungen. Prominenz trifft hier rund um die Uhr auf gemeines Volk, Sehen auf Gesehenwerden, Schaulaufen auf Schauerlaufen, und alle haben einen anderen Takt im Ohr, einen anderen Rhythmus, eine andere Melodie; aus jedem Walk oder Discman dirigiert ein anderer Choreograph den Soundtrack zum Alsterlauf, und großartig bläht dazu der Wind der Freiheit die Segel auf dem anderthalb Quadratkilometer weiten Gewässer, und nicht minder großartig bläht er die Brust der Villenbesitzer und Kaffeeröster an dessen Ufer. Ein Bootsanleger, an dem gern auch gespeist und getrunken wird, nennt sich programmatisch »Bobby Reich«, stellt so etwas wie die hanseatische Variation zum Thema Biergarten dar und darf mit Recht eine Hamburger Institution geheißen werden. Auch wenn der reiche Bobby längst mit seinem vielen Geld nach Afrika gegangen ist oder sonstwohin, wo immer die Sonne scheint, jedenfalls weg aus Hamburg , kommt trotzdem noch jeden Tag der Geruch gutbürgerlichen Essens aus dem Lokal, und dieser Geruch trägt uns geradewegs zu unserer nächsten Station.