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Vierte Station: Stadt, Land, Fluß

Vierte Station: Stadt, Land, Fluß

Wenn du nach Hamburg gehst, stell dir vor, daß dir die Gischt mit Sturmstärke zwölf entgegenpeitscht«, hatte man mir gesagt. »Dann machst du genau das richtige Gesicht, um als einer von ihnen erkannt zu werden. Dann halten sie dich nicht für einen Zugezogenen.«
Daß man mich selten für einen Zugezogenen hält, liegt vielleicht daran, daß es mir nie schwerfiel, so ein Gesicht zu machen. Ich komme aus Westfalen. Westfalen werden mit so einem Gesicht geboren. Vielleicht liegt es auch daran, daß dieser Ratschlag, wie alle guten Ratschläge, etwas übertrieben ist. Hamburger sind weder verstockt noch mürrisch. Gehen Sie mal nach Ostberlin. Dann wissen Sie, was mürrisch ist. Hamburger sind edel und stolz. Ein bißchen wie englische Dressurpferde. Sie sind nur ein wenig verschlossen, ein wenig mißtrauisch. Sie achten darauf, wer da durch ihr Revier geht. Und vor allem: wie dieser Jemand dabei aussieht. In kaum einer anderen Stadt werden Sie so viele gut gekleidete Menschen sehen wie in Hamburg. Dabei meint »gut gekleidet« nicht unbedingt besonders teuer oder auffällig. Eine leicht untertemperierte Eleganz kennzeichnet den Hamburger Kleidungsstil: unaufdringlich, von fast offensiver Schlichtheit, und gerade dadurch sehr präsent, sehr bewußt: »Was soll ich mir Federn ins Haar stecken, ich hab das nicht nötig. Federn sind albern. Ich bin Hamburger.«
Man kann böse sein und das arrogant finden. Man kann auch versuchen, nett zu sein und einen Satz darüber zu bilden, in dem das Wort Understatement vorkommt. Das würde dem Hamburger gefallen. Dem Hamburger gefallt alles, das irgendwie britisch ist also britisch aussieht, britisch klingt und so weiter. Was es mit der speziellen Kleiderordnung auf sich hat, verstehen Sie am ehesten, wenn Sie mal in einer fernen Stadt, sagen wir Rom oder Athen, darauf achten, wie die Reisegruppen aussehen, die den Bussen entsteigen. Die Hamburger erkennen Sie sofort. Zum Beispiel daran, daß sie selbst bei fünfunddreißig Grad im Schatten niemals kurze Hosen tragen. Oder gar Sandalen. Nicht auszudenken, das. Überhaupt nicht amused sind sie, die Britburger, wenn kurzbehoste Sandalenträger ihr Gesichtsfeld kreuzen. Mit Grausen wenden sie sich dann ab und murmeln irgendwas von non u, was soviel bedeutet wie »gar nicht upperclass« und somit »nicht gesellschaftsfähig«.
Und wenn Sie an Flughäfen zufällig einmal die Durchsage »Passagiere gebucht auf Flug LH 239 nach Hamburg werden zum Ausgang B12 gebeten« hören, dann erlauben Sie sich doch bitte den Spaß, dorthin zu gehen. Jede Wette: Sie erleben auf den orangefarbenen Plastikschalen an Ausgang B12 die größte Ansammlung an nachtblauen Tweedblazern, an hochwertigen Strickpullis über weißen Stoffhosen, die Sie bisher gesehen haben.
»Man kann in Hamburg jede Anzugfarbe tragen, vorausgesetzt, sie ist blau«, hat ein bekannter Herrenschneider mal gesagt, und daraus läßt sich ein Selbstverständnis ableiten, das bis heute Gültigkeit hat. Das Selbstverständnis, als Privilegierter, sprich: als Hamburger geboren zu sein. Dabei gibt es eigentlich nichts, das ein weitverbreitetes Vorurteil über die Hansestadt stützt. Ein Vorurteil, das direkt hinter »spröde protestantische Pfeffersackstadt, in der es immer regnet« und »sozialdemokratische Republik, die der Bombenkrieg zerstörte« auf Platz drei liegt. Ein Vorurteil, das seit Generationen nachgebetet wird und wahrscheinlich vor hundert Jahren von einem liebestrunkenen bengalischen Schiffsjungen im Suff ausgerufen wurde: »Hamburg ist schön!«
Die zarte Nachfrage jedoch, warum Hamburg schön sei, bringt viele Freunde der Hansestadt in Verlegenheit. »Weil es so viel Wasser gibt«, lautet die oft verschämte Ausrede nach einer angemessenen Schweigeminute. »Weiß ich nicht«, sagen andere und schütteln dazu unwirsch den Kopf, als wollten sie ein »Liebe kann man eben nicht erklären« hinzufügen.
In der Tat ist es schwierig, das Faible für diese Stadt an etwas Konkretem festzumachen. Schließlich hat Hamburg nichts von dem vorzuweisen, mit dem sich vergleichbare Metropolen gern schmücken. Hamburg ist das Tor zum Norden. Und in den Norden will niemand. Hamburg hat, anders als München, kein Herrscherschloß voller Kostbarkeiten, hat keine Weinhügel wie Heidelberg, keine Altstadt wie Bamberg und keine Kathedrale wie Köln. Der Stadt fehlt der heruntergekommene Charme eines NachkriegsReservates, wie es Berlin in glücklichen Tagen noch verkörperte. Die Hamburger Museen sind Mittelmaß, die Oper ein stilloser FünfzigerJahreKasten. Natürlich sind die Theater in Ordnung. Aber gemessen an der Qualität der Theater ist auch das Ruhrgebiet eine Weltmetropole. Dazu kommt: das Wetter. Natürlich. Das Wetter ist zum Gotterbarmen. Zugige Sommer und neun Monate Nieselwinter ohne eine einzige Chance auf Schnee. Doch dazu später mehr. Zunächst bleibt festzuhalten: Es gibt nichts wirklich Großartiges in der Hansestadt. Warum also ist Hamburg schön?
Um das zu beantworten, muß man vielleicht etwas zurückgehen. Denn die Entwicklung der Stadt hat maßgeblich mit ihrem heutigen Reiz zu tun.
Als vor mehr als tausend Jahren die Hammaburg buchstäblich in den Sumpf gerammt wurde, gab es nichts weiter als einen großen Bach, die Alster, die inmitten schlammigen Marschlandes in einen breiten Fluß, die Elbe, mündete eine überaus undankbare geographische Ausgangssituation, um eine Stadt zu gründen. Daß Hamburg heute mit einer teilweise malerischen Villenlandschaft zu verzücken versteht, daß die Alster umsäumt ist von herrschaftlichen Kontorbauten, ist bürgerlichen Landschaftsarchitekten zu verdanken, die zweihundert Jahre nach Gründung der Hammaburg damit begannen, eine Gartenstadt anzulegen. Das fing mit dem Aufstauen der Alster hinter der Innenstadt an, eine Aktion übrigens, die gründlich fehlgeschlagen ist: Denn ursprünglich sollte der Fluß unter anderem zum Betreiben einer Mühle gestaut werden. Es entstand aber eine Überschwemmung, die man so nicht erwartet hatte und dann aus praktischen Erwägungen »See« nannte. Dieser »See«, dessen Ausmaße etwa der Fläche des Fürstentums Monaco entsprechen, war schlicht und ergreifend ein Versehen. Jeder Hafenkai wurde danach künstlich aufgeschüttet, die Elbe zur Stadt hin eingedeicht, die feuchten Wiesen als Bauland trockengelegt und Kanäle in die Wohngebiete gezogen. Entlang den so gebändigten Gewässern legten wohlhabende Händler ihre Lustgärten an, die sie vom Kontor aus bequem mit dem Boot erreichen konnten.
Diese Sphäre von Ruderclub, Landpartie und Wintergarten haftet einem Großteil der Stadt bis heute an: Anstelle von Prunkbauten schufen sich die Hamburger Bürger Schaufronten für ein angenehmes Privatleben. Das ist auch der Grund, warum Hamburg eher von optischen Klischees lebt als von historischer Substanz. Die Stadt besteht aus sehr sorgsam arrangierten Bildern, die den Bewohnern das jeweils gewünschte Programm vorspiegeln.